Der Tod kommt auf leisen Sohlen … Der Hochkultur-Kulturbetrieb und seine Umwelt

„Die Gesellschaft braucht Kultur!“, sagen Kulturschaffende. Sagen auch Politiker, sagen auch Wissenschaftler, sagt auch das Publikum.

Einverstanden. Kultur war und ist von je her ein die Gesellschaft prägender Faktor. Ganz früher in Form des Ausdrucks des Lebensalltags, in Ritualen, im Einklang mit der Natur und Tradition. Später zur Definition gesellschaftlicher Gruppen und Abgrenzung zu anderen, z.B. des Bürgertums gegenüber dem Adel. Dann zur Kontemplation – zum reinen Kunstgenuss um seiner selbst willen (abendländischer Sonderweg nach Max Weber). Und heute? Die so lange aufrecht erhaltenen Grenze zwischen Hochkultur und Popularkultur ist aufgehoben oder wird jedenfalls immer häufiger überschritten. Die Zuordnung von  Kunstrezeptionsverhalten zu gesellschaftlichen Gruppen funktioniert nicht mehr treffsicher. Unschärfen, fließende Grenzen, weniger entweder-oder und mehr sowohl-als auch- Entscheidungen der Menschen stellen Produzenten, Kunstschaffende im Bereich der Hochkultur vor Schwierigkeiten in der Frage, wer zur eigenen Zielgruppe zählt.

Die Rahmenbedingungen für den Hochkultur-Kulturbetrieb haben sich verändert und verändern sich laufend weiter. Aber nicht alle Kulturbetriebe haben diese Veränderungen bereits registriert und/oder wollen diese nicht wahrhaben:

Das Publikum der Hochkultur vergruftet. Die  Menschen, die als Abonnenten bisher die Bank für die Kulturinstitutionen, Konzert- und Opernhäuser, darstellten und für gefüllte Säle sorgten, werden älter – und damit langfristig zwangsläufig weniger. Wer ist das zukünftige Publikum der renommierten Institutionen?

Öffentliche Gelder werden stark zurückgeschraubt, eine Subvention an den nachweisbaren gesellschaftlichen Nutzen gleichermaßen wie an den wirtschaftlichen Erfolg eines Kulturprojekts, einer Kulturveranstaltung geknüpft. Ökonomische Erfolgskontrolle steht auf der Tagesordnung. An öffentliche Mittel zu gelangen wird immer schwieriger. Und die Suche nach geeigneten Sponsoren ist angesichts der wirtschaftlich angespannten Rahmenbedingungen und der gestiegenen Ansprüche an eine Sponsoring-Geschäftsbeziehung auch kein Spaziergang!

Unsere Gesellschaft hat sich verändert: Erlebnisgesellschaft und Multioptionsgesellschaft nennen Soziologen die neuen Verhältnisse. Die Menschen suchen das Erlebnis, den Event, den Mehrwert in allen Aktivitäten ihres Lebens, daher auch in Kulturveranstaltungen. Das Hörerlebnis allein reicht nicht aus, um die Erwartungen des Publikums zufrieden zu stellen. Und das breite Angebot bietet den Menschen viele Optionen parallel, das bedeutet, die Menschen können und wollen aus einer Fülle von Möglichkeiten wählen (so wie auch in allen anderen Lebensbereichen – beim Lebensmitteleinkauf, bei der Wahl der Kleidung, der Urlaubsdestination usw.), und der Kulturbetrieb muss sich erst einmal in der ersten Reihe positionieren, um die Chance zu haben, wahrgenommen zu werden.

In jedem Lebensbereich, in dem man in die Rolle des Kunden schlüpft, werden die Ansprüche an den Kundenservice groß geschrieben. Übersichtliche Websites, kompetente Mitarbeiter, leicht erreichbare Beschwerdestellen, einwandfreie Produktqualität erwartet der Kunde, das  Publikum, auch vom Kulturbetrieb. Die künstlerische Leistung selbst genügt heute nicht mehr ohne weiteres, um die Erwartungen des Kunden zu befriedigen. Und nur zufriedene Kunden empfehlen den Kulturbetrieb weiter, kommen wieder …

Gesellschaftliche Veränderungen wirken stets auch für Kulturbetriebe. Vielleicht zeitverzögert, aber sie wirken! Die Veränderungen im Auge zu behalten, sie mit zu vollziehen, sich ihnen offen zu stellen und aktiv und vorausschauend Strategien zu entwickeln, sind essentielle Aufgaben für den Kulturbetrieb, um vor der Zeit mit der Zeit zu gehen.

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